Manifest #wirbrauchenräume

Manifest #wirbrauchenräume

Manifest #wirbrauchenräume

Am Dienstag, den 31. Mai 2022 um 14:00 Uhr widmet sich der Kultur- und Medienausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft der Großen Anfrage zur Zukunft der Live-Kultur durch integrierte Stadtentwicklung. Die Antworten des Senats zu dieser Anfrage offenbaren aus vielerlei Sicht akute Handlungsbedarfe. Deshalb initiierte das Clubkombinat das Manifest #wirbrauchenräume, in dem der dringenden Bedarf an kulturellen Freiräumen thematisiert und Vorschläge für eine systematische Berücksichtigung der Kultur in der künftigen Stadtentwicklung vorlegt werden.

Die Antworten des Senats (Drucksache 22/7232) auf die Fragen der Regierungsfraktionen von SPD und
GRÜNEN zur Zukunft der Live-Kultur durch integrierte Stadtentwicklung offenbaren, dass in der Freien
Hansestadt Hamburg bislang wenig bis keinerlei akuter Handlungsbedarfe erkannt wird.

In der verdichteten Stadt geraten Freiräume für kreative Nutzungen zunehmend aus dem Blickfeld. So weist bspw. die Club-Bilanz seit 2014 einen sinkenden Trend bei der Neugründung von Musikspielstätten
(Indoor) auf. Doch nicht nur Musikbühnen haben es schwer. Auch andere kleinteilige Orte, wie
Proberäume, Tonstudios, Gewerbehöfe, Raum für Spielorte freier darstellender Künste und Open-AirFlächen finden in der Stadtentwicklung kaum Berücksichtigung. Häufig wird ihnen nur eine
Zwischennutzung offeriert oder sie sind ganz bedroht.

Dabei zeigen Beispiele, wie das Gängeviertel, die Viktoria Kaserne, der Südpol und der Otzenbunker, dass die Freie und Hansestadt Hamburg (FHH) auch in jüngerer Vergangenheit vereinzelt engagiert in die
Stadtentwicklung eingriff. Diese Prozesse gilt es weiter auszubauen und zu etablieren: Es bedarf künftig
einer gezielten Strategie und gesteuerter Maßnahmen, um bestehende Orte zu sichern und neue Räume
zu etablieren.

Andere Städte (z.B. Mannheim, Dortmund, Köln) setzen intensiviert Strategien zur kulturellen Entwicklung
auf bzw. um. Hamburg zielt bislang nach unserer Einschätzung unter dem Schlagwort „Kreativwirtschaft“ zu eng auf einen materiellen oder monetären Output. Bei kulturellen Aktivitäten jenseits der etablierten Kultur entsteht der wirtschaftliche Nutzen aber erst über einen längeren Zeitraum. Es ist an der Zeit, dass die Stadtentwicklungspolitik den Wert dieser Orte als Sozial- und Kulturraum in der Stadtentwicklung in den Blick nimmt.

Wir schlagen daher ein Bündnis für kulturelle Freiräume (Arbeitstitel: #wirbrauchenräume) vor, das aus
Vertreter:innen der kulturellen Initiativen, Politik, Behörden, Handelskammer und Immobilienwirtschaft
besteht. Dort sollten u. a. die konkreten Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag (u.a. Kulturkataster) weiter
verfolgt werden. Dort sollte auch eine Federführung für behördenübergreifendes Handeln und eine
regelmäßige Berichterstattung/Monitoring und Jahresbilanzierung (u.a. für bedrohte Orte) angesiedelt
werden. Zudem sind dort folgende sechs Handlungsfelder mit konkreten Vorhaben zu verorten:

1. Liegenschaftspolitik (LIG & Co.)
– Bei Entwicklungsvorhaben sollten künftig Konzeptausschreibungen zur Integration kultureller Nutzungen erfolgen.
– Es gilt durch den Senat einen Zugriff auf bzw. die Ausweisung von HPA-Flächen für zusätzliche kulturelle Nutzungen zu erwirken. Hierfür sollte der Hafenentwicklungsplan entsprechend angepasst werden.
– Zudem sollten vermehrt nicht nur Zwischennutzungen, sondern möglichst langfristig stabile
Flächenansiedlungen angestrebt werden. Erfolgreiche Zwischennutzungen sollten Fortführungsperspektiven erhalten. Hierfür gilt es einen transparenten Kriterienkatalog festzulegen.

2. Bauleitplanungen anpassen
Laut Koalitionsvertrag sollen „Kultur und Soziales bei der Stadtentwicklung zu einem verbindlichen Teil der Planungen gemacht werden. In allen Stadtentwicklungs- und Neubauvorhaben sollen verbindliche
Vereinbarungen über kulturelle und soziale Flächen herbeigeführt werden, an denen geprobt, gespielt und Neues ausprobiert werden kann“.
– Klärung der Rolle der Hamburg Kreativ Gesellschaft (HKG): Gemäß KoaV soll die HKG „aktiv und
strukturiert in Stadtplanungsvorhaben eingebunden werden“. Wie erfolgt eine Integration der HKG
(Schaubild)? Was wurde diesbezüglich bislang unternommen?
– Agent of Change einführen: Im Ausland existieren bereits Best-Practice-Beispiele: Die London Breed
Novelle (von 2015) in San Francisco schreibt u.a. vor, dass Projektentwickler:innen, die Wohnungsbau
vorschlagen, an einer Anhörung vor der San Francisco Entertainment Kommission teilnehmen müssen, die auch die Befugnis hat, erlaubte Lärmwerte festzulegen und eine Bewertung des Immobilienvorhabens
vorzunehmen. Die Planungsabteilung und die Kommission wird auch zur Berücksichtigung von
Lärmproblemen herangezogen, wenn einem Entwickler erlaubt wurde, Wohneigentum in der Umgebung zu schaffen. Eine ähnliche Konstruktion sollte auch in Hamburg eingerichtet und etabliert werden.

3. Bereich Kreativimmobilien der BKM
– Klärungen: Welche Aufgaben verfolgt diese Stelle? Welche Ressourcen stehen bereit? Wo liegt die
Federführung? Welcher Austausch erfolgt zwischen BKM und BSW? Welche Bilanz kann diese Stelle
vorweisen? Welche Ziele werden verfolgt?

4. Free Open Airs / Freiraumangebot
– Umsetzung des Koalitionsvertrags: „Wir möchten außerdem erreichen, dass nach dem Beispiel der
Hansestadt Bremen auch in Hamburg Free Open Airs kurzfristig, kostenfrei und mit wenig
Verwaltungsaufwand angemeldet und durchgeführt werden können.“
– Analyse des Freiraumangebots der HKG (2016 – 2018): Welche Erfahrungswerte wurden aus der
Projektphase gezogen?
– Befassungen mit dem Bremer Ortsgesetz sind einzuleiten.

5. Freiluftveranstaltungsfläche für kollektive Nutzungen
– Umsetzung des Koalitionsvertrags: „Die Koalitionspartner setzen sich dafür ein, den Clubs für
gemeinschaftliche Aktionen zur finanziellen Abmilderung des jährlichen Sommerlochs eine geeignete
Freiluftveranstaltungsfläche zur Verfügung zu stellen.“ Eine Klärung zur Koordination dieser Aufgabe ist
erforderlich.

6. Objektives Beschwerde- und Konfliktmanagement
– Einrichtung einer Mediationsstelle für allparteiliche Konfliktlösungen (wie z. B. in München)

Es bedarf möglichst vieler Orte, die experimentelle Produktionen – jenseits von Verwertungsdruck –
beherbergen. In diesen (kulturellen) Freiräumen verschiedenster künstlerischer Sparten entwickeln sich
kreative Energien und findet gesellschaftlicher Diskurs statt. Wir brauchen diese demokratiefördernden Begegnungsstätten mehr denn je.

Hamburg, im Mai 2022
#wirbrauchenräume

ERSTUNTERZEICHNENDE
Institutionen:
105 Viertel (Grüner Jäger)
Barkombinat Hamburg e.V.
Berufsverband Bildender Künstler*innen Hamburg
Bitzcore St. Pauli
Brückenstern
Bürgerhaus Wilhelmsburg mit dem Netzwerk Musik von den Elbinseln
clubkinder e.V.
Clubkombinat Hamburg e.V.
Dachverband freie darstellende Künste Hamburg e.V.
Denkmalverein Hamburg e.V.
Downtown Blues Club
FatJazz urban exchange e.V.
Förderverein Stellwerk Hamburg e.V.
Galerie Oel-Früh
Gängeviertel
Hafenbahnhof
Hanseatische Materialverwaltung
Hochwasserbassin e.V.
JazzFederation Hamburg
Kopf & Steine
Knust
Kulturzentrum HONIGFABRIK
Landesmusikrat der Freien und Hansestadt Hamburg e.V.
Lichthof Theater
Mamminga Concerts
Motorschiff Stubnitz e.V.
MS Altenwerder
Mundhalle EG
Music Women* Germany
nachtspeicher23 e.V.
Netzwerk Recht auf Stadt Hamburg
RockCity Hamburg
Schrødingers
Stadtkultur Hamburg e.V.
St. Pauli selber machen
Tan U Sound
Uebel & Gefährlich
Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V.
Viva con Agua ARTS
Viva la Bernie
Waagenbau
Waldinsel Records
Yeah! Yeah! Yeah! Studios
SuedKultur
Südpol Hamburg
Stadtkultur Hafen e.V.
Zinnschmelze
ZOLLO

Einzelpersonen:
Alex Grimm
Anne Niemann
Arne A. Theophil
Benjamin F. Stumpf
Christine Ebeling
Karsten Pursche
Marco Hosemann
Ramon Lazzaroni
Sörin Bergmann
Vera Langer

Weitere Unterzeichnungen sind jederzeit möglich. Sendet dafür eine Mail mit der Namensangabe Eurer
Institution an: wirbrauchenraeume@clubkombinat.de!

Bildcredit / art work by: Erobique

Quelle: Clubkombinat Hamburg